Speziesismus – Teil 2

Speziesismus – Teil 2
Lukas Gloor am 3. Juni 2013


Wenn es darum geht, Tieren mehr Rechte zu gewähren oder Ressourcen aufzuwenden, um ihnen zu helfen, dann kommen (explizit oder implizit) oft Einwände wie: „Es sind aber nur Tiere, keine Menschen!“

Obwohl solche Aussagen argumentativ nichts zur Diskussion beitragen (siehe Teil 1), klingen sie für manche intuitiv trotzdem sehr überzeugend. Es gibt jedoch Überlegungen, die zur Vorsicht mahnen, wenn es um unreflektierte moralische Intuitionen geht. Insbesondere in Fällen, welche die Ungleichbehandlung verschiedener Gruppen betreffen, sollte man doppelt kritisch eingestellt sein. Historisch wurden die Strömungen, die Gleichberechtigung (z.B. von Dunkelhäutigen oder Frauen) gefordert hatten, mit ähnlich „offensichtlichen“ Bemerkungen abgetan. Heute sieht die Situation erfreulicherweise anders aus: Rassistische oder sexistische Haltungen, welche gesellschaftlich einst absolut normal waren, sind heutzutage, wenn auch nicht völlig verschwunden, zumindest massiv zurückgegangen und nicht mehr salonfähig. Beim Speziesismus steht der Gesellschaft allerdings noch ein beträchtlicher Weg bevor.

Wenn die Argumente in diesem Doppel-Blogpost schlüssig sind, dann verhält sich der Speziesismus als Form von Diskriminierung ethisch analog zu Rassismus und Sexismus. Zugegebenermassen gibt es einen erwähnenswerten Unterschied, nämlich dass Menschen sich in einigen Bereichen im Durchschnitt wirklich stark von anderen Tieren unterscheiden. Wenn Sexisten argumentieren, dass Frauen Männern in wichtigen Belangen unterlegen sind, dann liegen sie faktisch falsch. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, könnte man den Sexisten immer noch Inkonsequenz vorwerfen, wenn sie die gleichen Kriterien nicht beim eigenen Geschlecht anwenden würden. Ein Sexist, der Frauen moralisch weniger berücksichtigt als Männer, „weil Frauen dumm sind“, müsste theoretisch ein auf IQ basierendes gesellschaftliches Kastensystem gutheissen, bei dem auch manche Männer darunter leiden würden. („Intelligenzist“ wäre in dem Fall vielleicht ein passenderer Ausdruck; sexistisch wäre der Mann nur, wenn er die selbst genannten Kriterien inkonsequent – hier eben nur bei Frauen – anwenden würde.)

Aber egal welches Kriterium man als Rechtfertigung für die unterschiedliche moralische Berücksichtigung von Tieren angibt: Es wird höchstens im Durchschnitt eher auf den Menschen zutreffen, nie aber auf alle Menschen gleichermassen. Und von einem Gruppendurchschnitt kann man nicht auf den Status eines Individuums schliessen.

Nehmen wir zur Verdeutlichung dieser Behauptung einen Kontext, in dem räumliche Intelligenz relevant ist: Ein Architekturbüro schreibt eine Stelle aus. Angenommen es stimmt, dass Frauen im Durchschnitt schlechter darin sind, räumlich zu denken. Wäre es dann angebracht, wenn der Chef-Architekt alle von Frauen geschriebenen Bewerbungen ungelesen in den Müll befördern würde, nur weil Frauen im Durchschnitt weniger gut räumlich denken? Natürlich nicht! Der Gruppendurchschnitt sagt in diesem Fall nichts über eine bestimmte Bewerberin aus. Analog: Im Durchschnitt sind Männer grösser als Frauen, daraus folgt jedoch nicht, dass es keine Frauen gibt, die grösser sind als die meisten Männer. Wenn wir Gruppendurchschnitte in solchen Fällen nicht relevant finden, warum dann plötzlich in tierethischen Fragen? Die Inkonsistenz ist ein typisches Anzeichen dafür, dass es sich bei solchen Argumenten um Rationalisierungen handelt.

Weitere Probleme der These, Spezies-Gruppendurchschnitte seien ethisch relevant: Unterdurchschnittliche Individuen erhalten einen Bonus; überdurchschnittliche einen Malus. So ist es möglich, dass ein überdurchschnittliches Individuum einer Art mit tiefem Durchschnitt einen tieferen Status erhält als ein unterdurchschnittliches Individuum einer anderen Art mit hohem Durchschnitt, obwohl es an sich höher steht. Im Gedankenexperiment: Wenn man Intelligenz für relevant hielte, könnte einem (aufgrund einer Megamutation) sprachbegabten Schwein ein tieferer Status zugesprochen werden als einem sprachunfähigen Menschen, weil es zur „falschen“ Gruppe bzw. zu einer Gruppe mit tieferem Durchschnittswert gehört. – Hier zeigt sich auch ein weiteres Problem: Wie wählen wir die Gruppen, deren Durchschnitte dann relevant sein sollen? Warum sollten gerade Spezies-Gruppen und nicht z.B. Gewichts- oder Geschlechtsgruppen relevant sein?

Manche mögen an dieser Stelle einwenden, dass trotzdem etwas speziell sei an der Artzugehörigkeit – oder dass es sich zumindest „so anfühlt“. In der westlichen Kultur ist diese Ansicht tief verankert, da der Mensch den monotheistischen Religionen nach als „Ebenbild Gottes“ und „Krone der Schöpfung“ klar über den Tieren steht, was auch die Hauptströme der westlichen Philosophie bestätigt haben. Spätestens seit Darwin wissen wir jedoch, dass wir uns in vielerlei Hinsicht nicht fundamental von den anderen Tieren unterscheiden. Biologisch gehören Menschen zu den Trockennasenaffen. Erstaunlicherweise sind wir z.B. evolutionär näher verwandt mit den Schimpansen als diese mit den Gorillas.

Das folgende Gedankenexperiment verdeutlicht, dass es sich beim Begriff „Spezies“ um ein willkürlich zustande gekommenes Konzept ohne ethische Relevanz handelt: Gehen wir in der Evolutionsgeschichte zurück, Generation für Generation (z.B. Enkelin, Mutter, Grossmutter usw.), dann kommen wir irgendwann zum gemeinsamen Vorfahren, welche die ursprüngliche Person mit einem nicht-menschlichen Tier, beispielsweise mit einer Kuh, teilt. Und von diesem Punkt aus gibt es einen direkten Weg zur Kuh, wieder vorwärts in der Evolutionsgeschichte. Auf die gleiche Weise kommt man zurück zur eigenen Grossmutter und wieder vorwärts zur Cousine; bei der Kuh ist der zurückgelegte Weg einfach um einiges länger. Wenn wir uns eine solche Aneinanderreihung vorstellen, wird klar, wo die Limitationen des Konzepts „Spezies“ liegen. Nachbarn in dieser Reihe unterscheiden sich nämlich (per definitionem) niemals mehr, als sich eine Mutter von ihrer Tochter unterscheidet. Es gibt keinen Katalog von relevanten Merkmalen zur Frage, ab wann genau ein Wesen noch zur Spezies „Homo sapiens“ gehört, und ab wann es sich um den letzten Vertreter von „Homo erectus“ handelt. Es wäre völlig willkürlich, irgendwo eine Grenze zwischen Mutter und Tochter zu ziehen und dann zu behaupten, dass genau diese Grenze moralisch relevant wäre.

Rein pragmatisch können wir eine solche Grenze höchstens stipulativ-definierend festlegen, so wie wir bestimmen, dass Jugendliche genau am 18. Geburtstag „erwachsen“ werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich alle 18-jährigen qualitativ von allen 17-jährigen unterscheiden, oder dass jedem Homo sapiens eine „Essenz“ innewohnt, die bei Mitgliedern anderer Arten fehlt. Eine in der Biologie sehr gängige Definition von „Spezies“  besagt beispielsweise, dass Gruppen von Wesen verschiedenen Spezien angehören, wenn sie nicht in der Lage sind, miteinander fortpflanzungsfähige Nachkommen zu zeugen. Warum sollte diese Eigenschaft aber ethisch relevant sein? Und wie könnte aus ihr folgen, dass dem Homo sapiens (und nicht einer andere Spezies) ein besonderer Status zukommt?

Dass es alle Individuen in der oben gedanklich vorgestellten evolutionären Mutter-Tochter-Reihe wirklich gegeben hat, ist insofern eine erfreuliche Begebenheit, als dass sie das Argument für den Anti-Speziesismus psychologisch überzeugender macht. Eigentlich ist es aber gar nicht nötig: Selbst wenn die Kreationisten Recht hätten und es gar keine Evolution gegeben hätte, wäre alleine die Vorstellbarkeit einer solchen Aneinanderreihung Grund genug, eine Ethik anzuzweifeln, die nur der menschlichen Spezies eine Sonderstellung gewährt. (Gedankenexperimente haben logisch-argumentative Kraft.)

An dieser Stelle wird in der Diskussion gerne behauptet, dass es in der Ethik darum gehe, Regeln für das Funktionieren von menschlichen Gesellschaften aufzustellen und (eventuell) mit dem Verweis auf Eigeninteresse zu begründen. Ein solcher Ethikbegriff ist jedoch absurd und nutzlos, weil man damit kaum je etwas Neues herausfindet bzw. in einer stabilen Gesellschaft apriori ausschliesst, dass man ethisch falsch liegen kann. Man würde ständig nur den Status quo jeder „funktionierenden“ Gesellschaft rechtfertigen. Und absurd wäre der Begriff deshalb, weil wir uns durchaus stabile menschliche Gesellschaften vorstellen können, wo gewisse Menschengruppen keine Grundrechte haben, und wo es nicht im Eigeninteresse der Höhergestellten liegt, dies zu ändern. (Im Gedankenexperiment können wir uns auch technologisch übermächtige Aliens vorstellen, die eine Menschennutzung „rechtfertigen“ könnten, wenn das Argument stichhaltig wäre.)

Die Kernaussage des Anti-Speziesismus lässt sich intuitiv und einleuchtend wie folgt zusammenfassen: Macht es nicht Sinn, dass gleiche Interessen auch gleich zählen; dass Leid gleich Leid ist, egal wer leidet? Warum sollte es eine Rolle spielen, ob ein Wesen zwei, drei oder vier Beine hat, oder ob es einen Mund, eine Schnauze oder einen Schnabel besitzt? Mit welchem Recht sprechen wir dem Schwein das Recht auf Unversehrtheit ab? Sieht es etwa „falsch“ aus, hat es die „falsche“ Anzahl Beine oder die „falsche“ DNA?
Die riesige Anzahl nicht-menschlicher Tiere auf der Erde und die schrecklichen Zustände, welchen die meisten von ihnen ausgesetzt sind, liefern Argumente für das grosse praktische Gewicht des Anti-Speziesismus als ethische Erkenntnis. Wer die Welt mit anti-speziesistischen Augen sieht, sieht sie ganz anders. Ein Ferkel sehen diese Augen wie ein Kleinkind, das einfach etwas anders aussieht. Es liegt auf der Hand, dass sich daraus ein starkes Argument für die hohe ethisch-politische Priorität der Forderung nach Tierrechten ergibt.