Einführung Karlheinz Deschner

27.10.13 Die hasserfüllten Augen des Herrn Deschner
D/1998 Regie: Ricarda Hinz
Zu Deschners Kriminalgeschichte des Christentums

Einführung: Eva Creutz

Wir begrüßen alle ganz herzlich zu dieser Veranstaltung vom Düsseldorfer Aufklärungsdienst.
Unsere Initiative gibt es jetzt seit 3 Jahren. Damals waren wir zu dritt und fanden, dass es, solange es in dieser Stadt Gottesdienste gibt, auch Aufklärungsdienste geben müsse. Wir fühlen uns also ganz dem Geist der Aufklärung verbunden und möchten diese Kultur auch weitertragen. Inzwischen sind wir eine große Gruppe. Manche von uns nennen sich Atheisten, mache Agnostiker, mache Humanisten oder Humanzen, oder auch Naturalisten.

Uns verbindet, dass wir alle gottlos glücklich sind und eintreten für eine konsequente Trennung von Staat und Religion. Glaube sollte Privatsache sein und in der Politik müssen selbstverständlich weltliche Standards gelten.
Dass das nicht so ist, erleben wir nicht erst, seit ein prunksüchtiger Bischof allgemeine Steuergelder in großem Umfang verschleudert, sondern in nahezu jedem gesellschaftlichen Bereich. Wer sich näher mit der Verflechtung von Staat und Religion befasst, staunt, was im Jahr 2013 noch alles möglich ist...

Unsere Initiative ist eine von über 50 Regionalgruppen der Giordano-Bruno-Stiftung, kurz gbs.
Die gbs wurde 2004 als säkulare Denkfabrik vom Unternehmer und Deschner-Mäzen Herbert Steffen und dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon gegründet und sollte zunächst tatsächlich auch Karlheinz-Dechner-Stiftung heißen. Die Stiftung hat inzwischen rund 5000 Förderer und verfolgt das Ziel, den evolutionären Humanismus und Naturalismus in die Öffentlichkeit zu tragen und all diejenigen zu organisieren, die nicht an Gott und Kirche glauben.
Dass wir heute K. Deschner´s Werk in diesem Umfang lesen können, ist nicht zuletzt auch Herbert Steffen´s Verdienst, aber darauf komme ich später noch zu sprechen.

Zunächst ein paar Worte zu Deschner selbst:
Karlheinz Deschner ist einer der wichtigsten und wortgewaltigsten Kirchenkritiker unserer Zeit. Mit seinem Werk gehört er auch zu den wichtigsten Aufklärern und Vertretern einer kritischen Geschichtsschreibung. Er hat auch Romane, Literaturkritik, Essays und Aphorismen geschrieben, aber vor allem religions- und kirchenkritische Bücher veröffentlicht und auf über zweitausend Vortragsveranstaltungen im Laufe der Jahre sein Publikum fasziniert und provoziert.
Von ihm stammt der Satz: „Aufklärung ist Ärgernis: Wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher.“ Nach der Lektüre seines Hauptwerkes – der Kriminalgeschichte des Christentums – kann man ihm da sicher nur zustimmen.
Geboren wurde K. Deschner 1924 in Bamberg.
Er hat neue deutsche Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie studiert und 1951 sein Studium mit der Promotion abgeschlossen. Im gleichen Jahr heiratete er Elfi Tuch, mit der er noch heute zusammen lebt. Da Elfi Tuch bei der Heirat bereits eine Ehe hinter sich hatte, stieß die Verbindung nicht auf das Wohlgefallen der katholischen Kirche.
Man verlangte vom Paar allen Ernstes, ihre Verbindung wieder aufzulösen. Nachdem die beiden sich weigerten dieser Aufforderung nachzukommen, wurden sie kurzerhand exkommuniziert. Vor versammelter Gemeinde musste K. Deschner´s Mutter die ihren Sohn betreffende „oberhirtliche Strafsentenz“ über sich ergehen lassen: Eine soziale Ächtung, die im Fränkischen der 50er Jahre sicher nicht lustig gewesen ist.

So trifft Deschner quasi der Kirchenbann, noch bevor er überhaupt ein einziges kritisches Wort über das Christentum gesagt hat.
1962 veröffentlicht er mit „Abermals krähte der Hahn“ sein erstes religionskritisches Buch, das heute als Standartwerk der Kirchenkritik gilt. Seitdem schreibt Deschner überwiegend Werke zur Religions- und Kirchenkritik.
Zu den wichtigen Titeln gehören u.a.:
• Mit Gott und den Faschisten (1965)
Der Vatikan im Bunde mit Mussolini, Franco, Hitler und Pavelic
• Das Kreuz mit der Kirche (1974)
Eine Sexualgeschichte des Christentums
• Und die „Kriminalgeschichte des Christentums“, an der er seit 1970 arbeitete und für die er 1970 einen Vertrag mit dem Rowohlt Verlag schloss.
Band 1 erschien dann erst 1986. Im März 2013, also fast 30 Jahre später, ist der 10. und letzte Band erschienen.

Band 1 (1986) - Die Frühzeit
Band 2 (1988) - Die Spätantike
Band 3 (1990) - Die Alte Kirche
Band 4 (1994) - Frühmittelalter
Band 5 (1997) - 9. und 10. Jahrhundert
Band 6 (1999) - Das 11. und 12. Jahrhundert
Band 7 (2002) - Das 13. und 14. Jahrhundert
Band 8 (2004) - Das 15. und 16. Jahrhundert
Band 9 (2008) - Mitte des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts.
Band 10 (2013)  - 18. Jahrhundert und Ausblick auf die Folgezeit

Mehr als eine Millionen Bände wurden davon bisher verkauft.
Während der Anfangsjahre seiner Schriftstellerei plagten K. Deschner jedoch, wie viele andere Freischaffende, chronische Geldsorgen.
Seine konstante schriftstellerische Tätigkeit konnte er damals vor allem nur dank der Förderung durch seinen Freund und Mäzen Alfred Schwarz fortführen. Dieser erlebte noch die Veröffentlichung des 1.Bandes der „Kriminalgeschichte des Christentums“ im September 1986 und verstarb dann leider.

An dieser Stelle trat Herbert Steffen, späterer Gründer der gbs auf den Plan.
Herbert Steffen - ehemals gläubiger Katholik und erfolgreicher Unternehmer - hatte K. Deschner´s Bücher bereits gelesen und war, wie er sagt, durch ihn vom Glauben abgekehrt. Als er vom Tod Alfred Schwarz´ hörte, entschied er, Deschner fortan finanziell so zu unterstützen, dass dieser die Kriminalgeschichte beenden konnte. Er wollte sogar, dass Deschner auf seine Lesungen und Vorträge verzichtete und sich nur noch dem Schreiben widmete. Frei von Geldsorgen konnte Deschner nun die Kriminalgeschichte fortsetzen und hat das Werk, wie erwähnt, im März 2013 beendet. Dazu ist er mit einem feierlichen Akt im Stiftungssitz der gbs geehrt worden.

Die Theologin Uta Ranke-Heinemann, der die Lehrbefugnis für katholische Theologie entzogen worden ist, nachdem sie öffentlich sagte, dass sie nicht an die Jungfrauengeburt glaube, sagte über Deschner: „Der europäische Bürger, den beim Begriff ‚Christliches Abendland‘ satte Selbstzufriedenheit zu befallen pflegt, weil ‚Christliches Abendland‘ in seinen Ohren nach frommer Rechtschaffenheit klingt, sieht nach der Lektüre von Deschner seine Suppe voller Haare. Christliche Unwissenheit und Arroganz werden durch Deschner empfindlich gestört“.
Die Macht und Arroganz christlicher Lobby hat auch die Filmemacherin und Mitgründerin unserer Gruppe Ricarda Hinz bereits zu spüren bekommen. Z.B. mit ihrem kirchenkritischen Film „Kruzifix“, den wir vor 4 Wochen hier gezeigt haben.

1996 entstand bei Ricarda Hinz die Idee ein Portrait über den großen Kirchenkritiker Deschner zu machen und damit erneut einen Versuch medialer externer Religionskritik zu starten.
So nahm sie Kontakt zu K. Deschner auf und organisierte eine Lesung des 5. Bandes der „Kriminalgeschichte des Christentums“ mit ihm im Metropol-Kino. Anschließend gab es eine Vorführung ihres Films „Kruzifix“.
Deschner kam, las und sah den Film.
Herbert Steffen, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht die gbs gegründet hatte, aber Deschner seit dem 2. Band der Kriminalgeschichte finanzierte war an diesem Abend ebenfalls im Kino anwesend. (Eigentlich hatte H. Steffen Deschner weitere Lesungen verboten, damit dieser sich auf sein Werk konzentrieren würde. Er war also über die Lesung im Kino nicht ganz glücklich, knüpfte aber an diesem Abend Kontakt zu Ricarda Hinz und damit war der Grundstein für ein wichtiges säkulares Netzwerk gelegt.)
Ebenso im Kino anwesend war Herman Gieselbusch, Lektor von Deschner bei Rowohlt und später auch Interviewpartner im Film.
K. Deschner selbst war vom Kruzifix-Film sehr begeistert und sofort überzeugt, einen Film mit Ricarda Hinz zu drehen. Zunächst musste diese aber noch Herbert Steffen und Lektor Herman Gieselbusch vom Filmkonzept überzeugen. Schließlich waren dann alle einverstanden und die einjährigen Dreharbeiten konnten beginnen.
Nachdem der Film abgedreht war, machte Ricarda Hinz dann erneut die Erfahrung, dass externe Religionskritik in den Medien fast keine Chance hat Gehör zu finden. Der Film lief zwar auf verschiedenen Festivals wurde jedoch bis heute nicht im Fernsehen gezeigt. Regelmäßig ist er in den Religionsredaktionen der großen Sender gelandet und dort versackt.
2005 zeigte sie ihn anlässlich des Weltjugendtags noch mal im Metropol-Kino, wo ich ihn gesehen und so Ricarda Hinz kennengelernt habe.
2010 haben wir dann gemeinsam die gbs-Regionalgruppe Düsseldorf, den Düsseldorfer Aufklärungsdienst, gegründet und können so heute mit allen unseren Mitstreitern den Deschner-Film im Rahmen unserer religionskritischen Filmreihe wieder im Metropol-Kino zeigen: Da, wo alles anfing!